Adrians Briefe von der Insel - Teil 1

Diese Kolumne erschien am 26.01.1998 in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift "dran".
Die Verwendung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis.

Meine lieben deutschen Freunde

Ich werde oft nach den alltäglichen Problemen gefragt, die es mit sich bringt, wenn man von Beruf christlicher Schriftsteller ist. Meine Antworten, fürchte ich, waren nie sonderlich befriedigend, vermutlich, weil ich zu sehr mit Schreiben beschäftigt bin, um noch Zeit zu finden, darüber nachzudenken. Nun jedoch habe ich gedenkt! (Viel Glück mit dem letzten Wort dieses Satzes, Übersetzer!)

Ich muß bekennen, daß das Hauptproblem für viele berufsmäßige Schriftsteller darin besteht, daß sie nahezu alles tun würden, um den Augenblick zu vermeiden, in dem sie tatsächlich den Stift aufs Papier oder die Finger auf die Tastatur setzen. Jede Ausrede tut's: Kaffee machen, Tür öffnen, wenn es klingelt, an den Ohren kratzen, mit Ehefrauen oder Ehemännern streiten, Anrufe tätigen -- und alles und jedes wird als Mittel herangezogen, um diesem gefürchteten Moment zu entgehen. Für diesen Widerwillen dagegen, mit dem Schreiben zu beginnen, gibt es eine Reihe von Gründen.

Erstens gibt es keinen besonderen Vorgang, durch den Gott den Inhalt des Buches oder des Artikels diktieren würde -- zumindest nicht meiner Erfahrung nach. Ich vermute, daß die überwiegende Mehrzahl berufsmäßiger christlicher Schriftsteller damit übereinstimmen würde, daß es in einer wichtigen Hinsicht kein Unterschied ist, ob man Schriftsteller ist oder Verkäufer, Arzt oder Maurer. Christen, die einen dieser wichtigen Berufe ausüben, werden hoffentlich entschlossen sein, ihren Kunden den bestmöglichen Dienst zu leisten, und ihre entscheidende Motivation wird der Wunsch sein, Gott zu ehren. Doch ein durchschnittlicher Maurer dürfte wohl kaum erwarten, daß der Heilige Geist sich detailliert zu jeder Wand äußert, die er zieht. Genau so wenig erwarte ich, daß er für mich Sätze oder Absätze formuliert. Schreiben ist ein Handwerk, was immer es sonst auch sein oder nicht sein mag. Freilich ist es sehr wichtig, daß ich verantwortungsbewußt mit den Gedanken umgehe, die ich zu vermitteln versuche. Und ich hoffe und bete inständig, daß Gott alles, was ich schreibe, gebrauchen und gutheißen wird.

Das andere, was den Anfang so schwer macht, ist die Tatsache, daß Schreiben eine sehr konzentrierte Tätigkeit ist. In der Praxis bedeutet das, daß der Autor sich mit nichts beschäftigen und in nichts vertiefen darf außer den Worten, die er zu Papier oder auf den Bildschirm gebracht hat. Anders gesagt, er muß ausschließlich aus seiner Vorstellungskraft heraus eine in sich geschlossene Welt schaffen, die seine Aufmerksamkeit genügend fesselt, damit er die gestellte Aufgabe beharrlich bis zu einem erfolgreichen Abschluß bringen kann. Um bis zu diesem Punkt durchzubrechen, braucht man Disziplin (etwas, was mir in der Vergangenheit sehr gefehlt hat), und es ist bisweilen sehr mühselig, aber der Lohn kann groß sein. Meine Erfahrung ist, daß dann hin und wieder die Worte und Gedanken zu fliegen und zu fließen beginnen, auf eine Weise, die so aufregend und befriedigend ist wie nur irgend etwas, das ich bisher erlebt habe.

Ein Problem, das besonders mit der regelmäßigen Produktion von Büchern und mit mir persönlich zu tun hat, ist die Tatsache, daß mein Selbstvertrauen meistens zwischen dem Abschluß eines Buches und dem Beginn des nächsten eine dramatische Talfahrt vollführt. Es hat Momente gegeben, in denen ich schlichtweg nicht begreifen konnte, wie es mir je gelingen konnte, irgend etwas zu schreiben. In solchen Momenten scheint es mir, als müsse jemand anderes all die Bücher geschrieben haben, die neben mir auf dem Regal stehen. Überzeugt, daß es mit meiner Laufbahn vorbei ist, sitze ich trübsinnig vor meinem Computerbildschirm und überlege, was sie auf dem Arbeitsamt wohl gerade so anzubieten haben. Nur um der alten Zeiten willen tippe ich träge ein paar Worte ein. Diese führen zu ein paar weiteren Worten. Diese weiteren Worte haben etwas an sich, das mich fast gegen meinen Willen interessiert. Ich beuge mich vor, meine Finger schweben erwartungsvoll über der Tastatur, die Vision des Arbeitsamtes verschwindet in der Ferne. Ich beginne zu tippen. Ich schreibe wieder.

Ich würde Ihnen liebend gern noch viel mehr über dieses mysteriöse Geschäft des Zusammenstellens von Wörtern schreiben, aber mein böser Redakteur gibt mir nicht mehr Platz. Darum kann ich nur noch sagen, daß das Schreiben mich sehr an die Ehe und den christlichen Glauben erinnert. All diese drei Dinge erfordern harte, beharrliche Arbeit, alle drei beinhalten Verzweiflung und Hochgefühl in unterschiedlichen Portionen, und, was vielleicht das Wichtigste ist, alle drei sind so beschaffen, daß wir immer wieder von neuem beginnen können, wenn der Prozeß zum Stillstand gekommen ist. Leider scheitern trotzdem viele Schriftsteller und eine ganze Menge verheirateter Leute endgültig, doch die Liebe Gottes scheitert niemals. Jesus, der Autor unseres Glaubens, lebt, starb und stand von den Toten auf, um das absolut sicher zu machen.

Herzlichst,
Ihr Adrian Plass

[Inselbrief vom 26.02.1998] [Inselbrief vom 26.03.1998] [Buchübersicht]

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