Adrians Briefe von der Insel - Teil 2

Diese Kolumne erschien am 26.02.1998 in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift "dran".
Die Verwendung dieses Textes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis.

Meine lieben deutschen Freunde

diese Botschaft stammt nicht von mir, sondern von dem Engel Gabriel. Ich traf ihn in -- ach was, das spielt eigentlich keine Rolle. Dies ist die Botschaft, die er mich weiterzugeben bat:
Bei euch Menschen gibt es einen Ausdruck, der uns Engeln nicht sonderlich angenehm ist -- irgendetwas mit "den Boten erschießen" oder so ähnlich. Denn Botschaften überbringen ist eine unserer Hauptaufgaben als Engel, wißt ihr, und -- seien wir ehrlich -- es muß bei euch schon einige Leute gegeben haben, die uns am liebsten erschossen hätten, als sie sahen, was ihnen da mit der göttlichen Post ins Haus flatterte. Die meisten von uns geflügelten Dingsdas ziehen es vor, daß man uns beherbergt, ohne es zu wissen ... Nehmt zum Beispiel Gideon, der mitten beim Weizendreschen informiert wurde, daß er, der Meistertrottel aller Klassen der israelischen Volltrottel-Liga, sich Hunderttausenden von gedrillten midianitischen Elitesoldaten entgegenstellen sollte -- und das mit einer Armee, von der am Ende nur dreihundert Mann übrig blieben und die mit einer Auswahl von Gegenständen aus dem Eisenwarenhandel bewaffnet waren! Was?! Gewehr 'raus -- peng! Tschüß, Engel ...
Und dann Jakob, dieser aalglatte, schmierige Segensdieb. Einer von uns mußte hingehen und regelrecht mit ihm ringen! Ringen! Richtig Mann gegen Mann. Könnt ihr euch das vorstellen? Wie? Wen wir geschickt haben, um sich um den Mann zu kümmern? Mich jedenfalls nicht, soviel steht fest. Auf Leitern herumklettern ist ganz und gar nicht mein Stil. Wer war's, der am Ende gehen mußte? Natürlich -- Sumo Sid, genau der Richtige dafür. Doch selbst er mußte ein bißchen mogeln -- er hat ihm nur ein ganz kleines bißchen die Hüfte verrenkt, wohlgemerkt, aber schließlich hatte Sid strenge Anweisungen: Kämpfe die ganze Nacht und verliere nicht, und Engel sind nicht mehr ungehorsam -- nicht mehr seit dem da unten -- ihr wißt schon ...

Nein, wir Boten haben es nicht immer leicht. Aber manchmal -- manchmal, da ist es schlichtweg wunderbar. Denn manchmal dürfen wir die besten Nachrichten der Welt überbringen. Und ich -- ich durfte die beste aller besten Nachrichten überbringen, nämlich an -- nun, sie war eigentlich kaum mehr als ein Kind. Wie schön sie war -- wie rein in ihrem Geist. Wißt ihr, was ich meine? So voller -- ich weiß nicht -- Morgensonnenschein. Sie hatte etwas in ihren Augen -- in ihrem Gesicht -- in ihrer stillen Art, das ich wohl noch bei keinem anderen Menschen gesehen habe, außer natürlich bei ihrem Sohn. Er war ihr Ebenbild -- oder vielleicht sollte ich sagen, sie war sein Ebenbild -- selbst wir Engel geraten manchmal mit unserer Theologie etwas durcheinander. Freilich muß ich zugeben, daß sie die Nachricht auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so toll fand.
Ich tat mein Bestes, um es ihr schonend beizubringen, aber -- ganz ehrlich, es war sicher nicht leicht. Das fängt schon damit an, daß man ja nicht jeden Tag einem Engel begegnet, nicht wahr?
Ich sagte so etwas Ähnliches wie: "Hallo, Maria, du bist etwas ganz Besonderes und hast großes Glück. Ich bin gekommen, um dir zu sagen, daß Gott bei dir ist -- genau hier bei dir." Also, ihr hättet ihr Gesicht sehen sollen. Ich glaube nicht, daß sie sich besonders glücklich fühlte -- ich glaube, sie fühlte sich verängstigt. Ich war ein wenig verunsichert, wie ich weitermachen sollte; ich meine, schließlich war das nächste, was ich zu sagen hatte, schon ein wenig heikel, um es vorsichtig auszudrücken ...
"Komm", sagte ich, "hab keine Angst. Du wirst ein Baby bekommen. Gott hat dich auserwählt, sein Baby zu bekommen. Sein Name wird Jesus sein, und er wird ein großer Mann werden und der Sohn Gottes genannt werden, und er wird über das Haus Jakob herrschen, und sein Reich wird in alle Ewigkeit bestehen ...!" Natürlich kam von alledem nur eines richtig bei ihr an. "Ein Baby? Ein Baby?" Ihre Augen wurden groß und rund und ängstlich.

Wißt ihr, sie hatte nämlich noch nie -- also, sie war noch -- sie konnte gar nicht -- sie war nicht ... "Ein Baby?" Einen Augenblick lang dachte ich wirklich, sie würde in Ohnmacht fallen. So sanft ich konnte, sagte ich zu ihr: "Nur ruhig, keine Sorge, der Heilige Geist wird alles regeln, und Gottes Macht wird es sein, durch die das alles geschieht, und du -- du, Mary, wirst ein Baby zur Welt bringen, das man den Sohn Gottes nennen wird." Und dann -- und so komisch es klingt, ich schätze, daß das der Höhepunkt war -- fuhr ich sogleich fort und gab ihr meine andere überraschende Neuigkeit weiter. "Du kennst doch deine Verwandte Elisabeth, die ältere Dame, die mit Zacharias verheiratet ist?" "Ja -- ja, natürlich kenne ich sie. Warum?" "Nun, sie bekommt auch ein Baby. Sie ist sogar schon im sechsten Monat."

Ihr Gesicht! Das war ein Anblick! Wenn ich daran denke, kommen mir gleich wieder die Tränen. Einen Moment lang sagte sie gar nichts, und dann quollen auf einmal zwei riesige Tränen in ihren Augen hervor, und sie sagte: "Oh, Elisabeth -- nach all diesen Jahren. Gott sei Dank!" Und dann sah sie mich direkt an, mit einem unerschütterlich tapferen Ausdruck auf dem Gesicht, und was meint ihr, was sie sagte? Dieses junge Mädchen, das gerade zum ersten Mal einem Engel begegnet war und von ihm erfahren hatte, daß sie auf eine völlig unbegreifliche Weise, für die ihr Verlobter wohl kaum Verständnis aufbringen würde, ein Kind empfangen sollte und daß dieses Baby eines Tages zu einem allmächtigen, ewigen König werden sollte, dem Sohn Gottes -- und daß ihre alte Tante Elisabeth ihr im Schwangerschaftsrennen schon sechs Monate voraus war -- was meint ihr was sie sagte?

Was sie sagte, ganz leise, war folgendes: "Ich bin Gottes Magd. Ihm gehöre ich. Wenn das, was du gesagt hast, sein Wille ist, dann will ich es auch." Und ich glaube, in diesem Moment, als ich ihre festen Worte hörte und in die klaren, ungetrübten Augen dieses jungen Mädchens schaute, in denen nun der Funke einer neuen, tiefen Begeisterung glänzte, begann ich eigentlich erst zu verstehen, warum Gott sie auserwählt hatte -- und dann ging ich.

Herzlichst,
Ihr Adrian Plass

[Inselbrief vom 26.01.1998] [Inselbrief vom 26.03.1998] [Buchübersicht]

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