Buchcover Gesprengte Fesseln: Gottes Fluchtplan für ängstliche Leute - Andachten

Leseprobe aus "Gesprengte Fesseln: Gottes Fluchtplan für ängstliche Leute - Andachten" (1995)

"The Unlocking"

" In jener Nacht geschah es, daß Jahwe zu ihm sagte: Steh auf, geh zum Lager hinab; denn ich habe es in deine Gewalt gegeben. Wenn du dich aber davor fürchtest, hinabzusteigen, dann geh zuerst allein) mit deinem Diener Pura ins Lager hinab, und höre, was man dort redet. Dann wirst du die Kraft bekommen, zum Lager hinabzuziehen. Gideon ging also mit seinem Diener Pura bis unmittelbar an die Krieger im Lager heran. Midian und Amalek und die Leute des Ostens waren in die Ebene eingefallen, zahlreich wie die Heuschrecken, und ihre Kamele waren zahllos wie der Sand am Ufer des Meeres. Als Gideon ankam, erzählte gerade einer dem andern einen Traum: Ich sah, wie ein Laib Gerstenbrot ins Lager Midians rollte. Er gelangte bis zum Zelt und stieß dagegen, so daß es umfiel und umgestülpt dalag. Dann brach das Zelt zusammen. Der andere antwortete: Das bedeutet nichts anderes als das Schwert des Israeliten Gideon, des Sohnes des Joasch. Gott hat Midian und das ganze Lager in seine Gewalt gegeben. Als Gideon die Erzählung von dem Traum und seine Deutung hörte, warf er sich nieder und betete. Dann kehrte er ins Lager Israels zurück und rief: Auf!"

(Richter 7,9-15)

 

Als ich neulich in Southampton war, mußte mein Taxifahrer, ein Mann von Anfang sechzig, eine Weile halten, wahrend sich vor einer Kreuzung die Fahrzeuge stauten. Ein jüngerer, ziemlich brutal aussehender Mann, der irgend etwas mit seinem am Straßenrand geparkten Wagen machte, winkte und rief laut lachend zu uns herüber: « Loady, loady, loady ! » Mein Fahrer reagierte auf diesen seltsamen Zuruf, als wäre es der komischste Witz, den er je gehört hatte. Er kurbelte die Seitenscheibe hinunter, lehnte sich hinaus, begrüßte den anderen begeistert mit steif erhobenem Arm und brüllte aus vollem Hals quer über die Straße zurück: « Loady, loady, loady ! » Beide Männer krümmten sich geradezu vor kumpelhaftem, schenkelklopfendem Gelächter, wahrend mein Taxi wieder anfuhr, aber ich war verwirrt. Warum brüllten zwei normale Männer einander etwas wie «Loady, loady, loady» zu? Ich meine - warum ? Nicht zum ersten Mal fühlte ich mich aus dieser Welt seltsam verschlüsselter Kumpelhaftigkeit ausgeschlossen. Mir kommt es vor, als hatte ich mein ganzes Leben lang gehört, wie Arbeiter obskure Erkennungsrufe austauschten und dann in hilfloses (und, soweit es mich betrifft, unerklärliches) Gelächter ausbrachen. Nie hatte ich die Verwegenheit besessen, nach der Bedeutung dieser rätselhaften Ausdrucke zu fragen. Ich fühlte mich einfach nur ausgegrenzt und wie ein beschrankter Mittelkläßler. Wahrend mein Taxi weiter dem Bahnhof entgegenjagte, bildete sich in meinem verwirrten Geist ein verblüffender, nie dagewesener Gedanke. Warum sollte ich nicht - wenigstens dieses eine Mal - herausfinden, wovon diese beiden Burschen geredet hatten? Nervös machte ich den Mund auf und betrat das Lager, in das ich nicht gehörte, stets zum Rückzug bereit, sobald Niederlage und Demütigung mich überfielen. « Gerade eben », sagte ich, « als wir halten mußten, hat Ihnen der Mann auf der anderen Straßenseite etwas zugerufen.» Er hat "Loady, loady, loady" gerufen, nicht wahr?» «Ja, das stimmt. » «Und Sie haben "Loady, loady loady" zurückgerufen, nicht wahr?» «Zurückgerufen -ja, ganz richtig.» « Und dann haben Sie beide gelacht, richtig» «Beide gelacht, ja, richtig, ja. » Ich räusperte mich, bevor ich die nächste, entscheidende Frage stellte, und bereitete mich innerlich auf das spöttische Erstaunen vor, mit dem er die Tatsache aufnehmen wurde, daß es derartige Unwissenheit unter der Sonne gab. «Ich habe mich gefragt - was bedeutet eigentlich "Loady, loady,loady"?» «Weiß ich nicht.» « Sie wissen es nicht?» « Keinen blassen Dunst, Mann.» Ein paar Sekunden lang fehlten mir die Worte. Er wußte es nicht ! Er wußte es nicht! Wie konnte er es nicht wissen? War die Welt denn tatsächlich von lauter Irren bevölkert, die einander ohne den geringsten Grund «Loady, loady, loady» zuschrien und dann vor Lachen zusammenbrachen? « Aber schauen Sie », sagte ich beinahe flehend, « nachdem er es gesagt hatte, haben Sie es auch gesagt, und dann haben Sie und er gelacht, als ob Sie beide wußten, wovon Sie redeten, und...» « Na ja, er verprügelt Taxifahrer, wissen Sie? » « Er verprügelt -» « Letzte Woche hat er einen von unseren Jungs verprügelt. Er besauft sich, wissen Sie. Benimmt sich wie 'ne Sau, wenn er besoffen ist. Ein richtiges Miststuck. Wenn so ein Kerl Loady, loady, loady> sagt, dann fragt man ihn nicht, wovon er redet. Man sagt einfach auch "Loady, loady, loady", oder etwa nicht?» «Wird man ihn dafür belangen, daß er Ihren - Freund verprügelt hat?» «Na und ob! Ich habe ihn selber angezeigt. Keiner von den anderen wollte es machen, aber ich habe gesagt, man darf so1che Typen nicht einfach davonkommen lassen, also habe ich ihn angezeigt. Wenn er herausfindet, daß ich es gewesen bin, macht er sich bestimmt auf die Suche nach mir. Aber man muß schließlich tun, was richtig ist, oder?» «Wieviel wird man ihm wohl aufbrummen?» Mein Taxifahrer überlegte einen Moment, dann lächelte er grimmig. «Hoffentlich brummen sie ihm loady, loady, loady auf...» «Und was hat das alles damit zu tun, daß Gideon ins Lager der Midianiter kroch?» höre ich Sie fragen. Nun, ich denke, es ist einfach so: Meine komplette Mißdeutung des Loady-loady-loady-Vorfalls beruhte auf einer abstoßenden Mixtur aus Vorurteilen, Ängsten und irrigen Annahmen über etwas, das ich furchtsam und törichterweise auf die Art, wie Arbeiter eben miteinander umgehen, hielt. Bei dieser seltenen Gelegenheit, als ich, indem ich meine Frage stellte, tatsächlich in das Lager derer eindrang, von denen ich mich immer bedroht gefühlt hatte, entdeckte ich, daß äußerst komplexe Probleme hinter ihrem Verhalten steckten. Doch am verblüffendsten war, daß die beiden Männer, die mir wie vollkommen gleichförmige Steine in einer Mauer erschienen waren, in Wirklichkeit gar nicht unterschiedlicher hatten sein können. Es könnte nützlich sein, darüber nachzudenken, daß der Weg zur Freiheit von Angst manchmal einen Ausflug mitten ins Herz dessen beinhaltet, was uns bedrohlich erscheint. Und genau dort könnten wir wie Gideon eine neue Wahrheit entdecken, die uns mit Hoffnung erfüllt. Und wenn irgend jemand von Ihnen die Bedeutung von «Loady, loady, loady!» kennen sollte - bitte lassen Sie es mich wissen.

 

Beten Sie mit mir

Was hältst du von deiner schlaffen alten Gemeinde, Herr? Ich weiß, daß du sie liebst und hegst, aber du mul3t doch allmählich genug haben von unserem Widerwillen, unbekannte oder bedrohliche Pfade zu beschreiten, weil wir uns vor Leuten oder Situationen furchten, die uns fremd sind. Ich furchte fast, wenn Jesus heute als Mensch zurückkäme, wäre er in den Gemeinden nicht viel populärer, als er es vor zweitausend Jahren war. Wurde ich ihm durch die rauhen Kneipen und die Homosexuellenclubs folgen, wenn er mich dazu aufforderte? Ich weiß es nicht, Herr. Ich weiß es einfach nicht.
Wir beten um Weisheit und Mut - Weisheit, damit wir wissen, wann die Zeit gekommen ist, das Lager des Feindes zu betreten, und den Mut des Heiligen Geistes, damit wir dann auch fähig sind, es zu tun. Vergib uns unsere Furchtsamkeit, Herr. Amen.

P.S.: Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich will, daß du dieses Gebet erhörst.

Alle Textrechte liegen beim Brendow Verlag. Abbildung hier mit freundlicher Genehmigung.


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