Buchcover Ansichten aus Wolkenkuckucksheim

Leseprobe aus "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" (1992)

"View from a bouncy castle"

Der tödliche Dumm-Dreist

Das Übel einer destruktiven und blutleeren Führung ist keineswegs auf die traditionellen Denominationen beschränkt. In Gemeinden, in denen Spontaneität aufs sorgfältigste organisiert abläuft, kann das Bedürfnis nach einer beständig möglichst hohen geistlichen Raumtemperatur allerlei höchst absonderliche Blüten treiben. Ich habe an anderer Stelle den Gruppenleiter einer Gebetsgemeinschaft zitiert (und das Zitat ist hundertprozentig authentisch!), der, von seiner eigenen Verzückung mitgerissen, seiner Versammlung zurief, nach dem nächsten Lied wolle er einen „spontanen Beifallssturm" hören!
Solche gedankenlosen Bemerkungen entspringen häufig der Furcht, dass die Dinge geistlich nicht so „prickeln", wie man es erwarten möchte, wäre Gott wirklich gegenwärtig. Unsichere Hirten projizieren dann gelegentlich ihre Ängste auf ihre Herde. Ich kannte einen Kirchenältesten, der unweigerlich den Gottesdienst unterbrach - für gewöhnlich mitten in einem Choral - und verkündete, er verspüre einen„ Geist der Schwere" im Raum, der die Leute daran hindere, aus ganzem Herzen Gott zu lobpreisen.
Sein Selbstvertrauen war erst wieder hergestellt, wenn irgend etwas spektakulär Geistliches passierte, nach Möglichkeit irgend etwas, bei dem ein bereitwilliges Individuum Tränen des Kummers, der Erleichterung oder der Reue vergoss. (In manchen frommen Kreisen sind Tränen überaus populär, vielleicht, weil der Gefühlsausbruch eines Gruppenmitglieds die emotionale Spannung bei allen anderen abbaut.) Ich will nun gewiss nicht behaupten, der Heilige Geist könne oder wolle in solchen Situationen nicht wirken, aber andere dazu herauszufordern, geistliches Getue zu produzieren, um sich selbst damit aufzubauen, ist nicht gerade übermäßig konstruktiv.
Ich habe bereits angedeutet, dass religiöse Aktivitäten wie Bibelstudium und Gebet Gott aus einer kleinen Gemeinschaft richtiggehend aussperren können. Dies geschieht vor allem dann, wenn solche Aktivitäten nicht einer echten Beziehung entspringen und der Leiter (vor allem in der Sorte Gemeinden, die ich soeben geschildert habe) nicht fähig oder nicht willens ist, eine echte Diskussion zuzulassen.
Ich möchte Ihnen beispielsweise einen Typ vorstellen, den wir Herrn Dumm-Dreist nennen wollen - kurz DD.
DD ist dazu auserwählt worden, einen Hausbibelkreis zu leiten - hauptsächlich deshalb, weil man sich bei ihm darauf verlassen kann, dass er die richtigen Dinge in vorschriftsmäßiger kanaanäischer Sprache sagt.
In der Öffentlichkeit umgibt er sich mit einer solchen Aura von Selbstvertrauen, dass manchen Leuten in seiner Gesellschaft aufs qualvollste bewusst wird, wie jämmerlich unzulänglich ihr eigenes geistliches Leben doch ist. Hochintelligente, kultivierte Menschen sind in dieser Hinsicht besonders verletzlich.
Irgendwie bringt DD es fertig, den Eindruck zu erwecken, seine glänzende Persönlichkeit sei die unmittelbare Frucht des seinem Herzen innewohnenden Heiligen Geistes, dessen Leuchtkraft durch keinerlei dunkle Schatten von Wissen und Verstandesschärfe getrübt wird.
„Meine Erkenntnis", scheint DD uns zu sagen, „ist übernatürlichen Ursprungs. Werft sie von euch, eure weltlichen Werkzeuge des Intellekts und der Phantasie, und ich will euch unterweisen!"
In Wahrheit ist DD natürlich weder so naiv noch so geistlich, wie er sich den Anschein gibt. Er hat schlicht und einfach eine Rolle entdeckt, die einige gähnende Gletscherspalten in seinem Glauben, seinem Leben und seinem Temperament aufs beste übertüncht.
Leider hat man ihm inzwischen eine leitende Stelle anvertraut und ihn als Hirten über eine Gruppe von Christen gesetzt, die weitaus mehr tatkräftige Hilfe brauchten, als er zu geben vermag. DD's Hauskreis ist folglich kein fröhliches Trüppchen. Die erbaulichen Gespräche bei den Treffen erschöpfen sich darin, dass alle im Kreis herumsitzen und sich mit Leichenbittermiene gegenseitig erzählen, wie gut Gott ist und wie erbärmlich sie alle sind. DD mit seinem maskenhaften Lächeln und seiner dreist zur Schau getragenen Fassade von Selbstbewusstsein ist wie ein winziger Heizstrahler, an dem alle ihren gefrorenen Glauben aufzutauen hoffen. DD behält die Oberhand mittels raffiniert inszenierter Gruppengespräche, bei denen alle Stimmen aufs sorgfältigste aufeinander abgestimmt sind. Im folgenden Beispiel hat er an die Wand hinter seinem Sessel ein großes rechteckiges Stück weißes Papier geheftet und hält einen dicken schwarzen Filzstift in der Hand.

DD: (nickt bedeutsam und lächelt jedes einzelne Gruppenmitglied verständnisvoll an) Okay! Jetzt wollen wir mal so ein richtig schönes, altmodisches Brainstorming machen. Ich habe hier eine Frage, über die wir uns Gedanken machen sollten, die Antworten schreiben wir dann hier an der Wand auf. Okay? (Die Gruppe bekundet ihr Einverständnis mit einem Geräusch, das sich wie das Muhen einer Herde gemütskranker Kühe anhört.)
DD: Okay also, hier haben wir die Frage. Wer ist Jesus? (Melancholisches Schweigen) Fred: (mit schwacher Stimme, zutiefst überzeugt, dass er höchstwahrscheinlich etwas Falsches sagt): Äh ... Er ist der Messias?
DD: (mit der ganzen Freundlichkeit des Guten Hirten) Ja! Okay! Er ist der Messias! (Schreibt MESSIAS in winzigen Buchstaben an den äußersten Rand des Papiers) ... Aber - wer ist Jesus?
Mary: (nicht sonderlich hoffnungsvoll) Er ist der Erlöser.
DD: (schreibt ERLÖSER in noch viel kleineren Buchstaben an den Rand des Papiers) Hmm ... ja, er ist der Erlöser ... (mit tiefer, bedeutungsvoller, autoritärer Stimme): Aber ... Wer ist Jesus?(Lässt leuchtende, fragende Blicke in die Runde schweifen)
Bob: (in der Hoffnung, dadurch rascher zu Kaffee und Kuchen zu kommen): Ist er der Friedefürst?
DD: (schreibt FRIEDEFÜRST in allerwinzigsten Buchstaben an den obersten Papierrand) Danke, Bob, ja, er ist der Friedefürst, aber ... (kneift die Unterlippe zwischen die Zähne und verzieht das Gesicht zu einem Ausdruck schelmischen väterlichen Vorwurfs) ... nun, macht schon, Leute - WER IST JESUS?
Brenda: (in der Erwartung unausweichlichen Versagens) Ist er nicht der Sohn Gottes?
DD: (entzückt und aufgeregt) Der Sohn Gottes! Jesus ist der Sohn Gottes! (Schreibt SOHN GOTTES in riesigen Buchstaben quer über das ganze Papier an der Wand) Jesus ist der Sohn Gottes ! Wer ist Jesus? (DD schwenkt die Arme wie ein Dirigent, während die Gruppe die richtige Antwort nachblökt wie eine Kindergartengruppe, die das Einmaleins lernt.) Gruppe: Jesus-ist-der-Sohn-Gottes!
DD: Das hat uns der Herr gezeigt!

In der Volksschule nennt man so etwas „gezielte Fragestellung", und im Lauf der Lehrerausbildung wird einem dringend davon abgeraten, diese Methode anzuwenden. Warum wagt in der Kirche niemand Einspruch zu erheben?
Der tödliche Dumm-Dreist ist im Grunde nicht bösartig, sondern nur selbst irregeleitet. Aber wenn man solche dubiosen Führerpersönlichkeiten ungehindert gewähren lässt, hat das zur Folge, dass nicht wenige Menschen verletzt und verwirrt werden.
Das Beispiel, das ich genannt habe, ist natürlich eine Karikatur - aber es ist nicht allzu sehr übertrieben !

Alle Textrechte liegen beim Brendow Verlag. Abbildung hier mit freundlicher Genehmigung.




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