Buchcover Das Tour-Tagebuch des frommen Chaoten

Leseprobe aus "Das Tour-Tagebuch des frommen Chaoten" (2003)

"The Sacred Diary of Adrian Plass, on Tour: Aged Far Too Much to Be Put on the Front Cover of a Book"

Die folgende Leseprobe enthält sowohl einen der ernsthafteren, als auch einen der witzigen Teile des Buches - und sie kommen auch tatsächlich genau so im Buch vor...

Montag, 19. September

Heftige Debatte im Auto heute früh auf dem Weg nach Hause. Thema: Wie sehr lenkt Gott jeden Bereich unseres Lebens. Angels meinte, sie würde ja gerne glauben, dass Gott sich wirklich für jede kleine Einzelheit interessiert, die uns widerfährt, aber wenn man sich all die furchtbaren Dinge anschaue, die in der Welt passieren, sei das sehr schwer zu glauben.
Barry sagte darauf: „Aber nicht bei Christen , und ging prompt in den Wellen des Protestes unter, die von allen Seiten auf ihn einstürmten. Jeder schien mindestens eine Geschichte parat zu haben, wie einem Christen etwas unvorstellbar Scheußliches passiert war. Irgendwann kämpfte sich Barry zurück an die Oberfläche und sagte: „Aber die Bibel sagt das doch ganz eindeutig. Nicht ein einziger Spatz fällt zu Boden, ohne dass der Vater es weiß."
„Ja", sagte Anne ernst, „er weiß es, aber sie fallen trotzdem zu Boden, oder, Barry? Jesus hat uns nie verheißen, dass wir von Problemen verschont bleiben, nur, dass er mitten in ihnen bei uns sein würde. Auch Christen passieren ständig schreckliche Dinge. Erinnerst du dich an die Frau bei der Veranstaltung, bei der wir waren, Adrian, die sagte, dass jedes Jahr Zehntausende von Christen an verschiedenen Orten der Welt als Märtyrer sterben? Da fallen jede Menge kleiner Spatzen zu Boden, und soweit wir wissen, passieren nicht sehr viele Wunder zu ihrer Rettung. Ich bin Gott nur dankbar, dass er sie kennt und dass sie ihre gebrochenen Flügel an einem anderen Ort heilen lassen können."
Ein paar Momente Stille; dann sagte Barry: „Ja, aber Sie müssen zugeben, dass oft, wenn Sie zurückblicken auf das, was Ihnen passiert ist, der Sinn erkennbar wird. Sie wissen schon, Sie können sehen, welcher große Plan dahinter stand. Neulich unterhielt ich mich mit einer Dame, die bei einem Verkehrsunfall ihren kleinen Sohn verloren hatte. Nur zwei Monate später wurde ihre Großmutter schwer krank und musste bis zu ihrem Tod rund um die Uhr gepflegt werden. Die Dame sagte mir, jetzt könne sie sehen, dass sie sich unmöglich um ihre Oma hätte kümmern können, wenn sie noch ihren Sohn gehabt hätte. Sie sehen also, im Rückblick steckte da ein Grund dahinter - ein Muster."
Keiner sagte etwas, während wir alle uns dieses trübselige Bild eines Gottes durch den Kopf gehen ließen, der es wie ein allmächtiger, skrupelloser Organisator von Pflegedienst-Einsatzplänen für richtig erachtete, den Tod eines kleinen jungen zu veranlassen, um einem bevorstehenden Personalengpass zu begegnen.
„Ich glaube, das bringt Gott zum Weinen", sagte Anne schließlich.
„Was?", fragte Barry.
„Ach, wissen Sie, der Gedanke an diese Dame, die da am Ende ihres traurigen kleinen Abzweiges von der Hauptstraße kauert und sich fest an so eine erbärmlich fadenscheinige Begründung klammert und sich abmüht, zu akzeptieren, dass sie wirklich nichts Besseres bekommt. Ja, ich weiß, manchmal ist das richtig, was Sie sagen, Barry, aber sehr oft ist es wohl nur wieder einer von diesen allzu menschlichen Tricks, mit denen wir uns um die Tatsache herumdrücken, dass wir am Ende nur Gott vertrauen können oder eben nicht. Ich bin bereit, dir bedingungslos nachzufolgen - solange es nach meinen Spielregeln geht. Das ist es doch, was die meisten von uns zu Gott sagen, oder?"
Manchmal ist Anne schon erstaunlich.
„Hm, aber ich weiß nicht recht, Mama, manchmal erscheinen einem die Dinge im Rückblick wirklich anders", sagte Gerald in seinem typisch ominösen Tonfall.
Machte mich auf etwas gefasst.
„Neulich zum Beispiel hatte ich ein furchtbares Erlebnis. Ich ging gerade in aller Ruhe die Straße entlang, als sich plötzlich der Erdboden auftat; ein gewaltiger Wind begann zu rauschen, riesige Reiter auf gewaltigen Rossen erschienen zwischen den Wolken, eine tiefe Finsternis legte sich über das Land, vom Himmel herab kam ein strahlender Thron, auf dem eine weiß gekleidete Gestalt saß, die ein Schwert in der Hand hielt und leuchtete wie die Sonne. Na, du kennst das ja, in dem Moment kam es mir vor wie das Ende der Welt, aber im Rückblick ...
Ein Punkt, in dem Gerald sich überhaupt nicht verändert hat, ist seine Neigung, einen Witz oder ein Argument so lange auszupressen und zu melken, bis kein einziger Tropfen mehr darin ist. Wäre ja nicht so schlimm, aber die anderen scheinen ihren Spaß daran zu haben und machen mit, wenn er einmal in Fahrt ist. Heute Morgen wieder so ein lächerliches Beispiel, als wir nur noch eine Meile von zu Hause waren.
Ich sagte: „Sollen wir hier rechts abbiegen und durch die SiedIung fahren, oder sollen wir bis zum Gartenmarkt warten und von dort hinunter in die Stadt fahren?"
Ungläubig erwiderte Gerald: „Hinunter? Vom Gartenmarkt geht es doch nicht hinunter in die Stadt. Es geht hinauf. Jeder, der hier oben wohnt, sagt: Ich fahre nur mal schnell hinauf in die Stadt.' So heißt das. Man fährt hinauf in die Stadt."
„Aha!", gab ich zurück. „Du sagtest eben: Jeder, der hier oben wohnt` Wie können die sagen, sie fahren hinauf in die Stadt, wenn sie doch schon hier oben sind?"
,.Ach, das ist doch bloß ein Ausdruck!", sagte Gerald. „Man sagt eben, man wohnt hier oben an diesem Ende der Stadt, und wenn man in die Innenstadt will, sagt man, man fährt hinauf in die Stadt, weil das eben immer so gesagt wurde. Man fährt hinauf in die Stadt_" Er wandte sich an die anderen. „Ist es nicht so, dass man von hier aus hinauffährt?"
Alle nickten und sagten irgendetwas mit hinauf in Kursivschrift. Anne fügte hinzu: „Und überhaupt, Schatz, die Straße geht tatsächlich fast den ganzen Weg vom Gartenmarkt bis in die Stadt bergauf."
„Bergauf? Tut sie nicht!", protestierte ich höhnisch. „Es geht fast den ganzen Weg bergab. Deswegen ist es ja auch viel sinnvoller, zu sagen, man fährt hinunter in die Stadt."
Ein Chor spöttischen Gelächters von den anderen.
„Nun", sagte ich, „wir werden es ja gleich sehen, nicht wahr?"
Schon komisch, wie einen das Gedächtnis im Stich lassen kann. Nachdem wir rechts abgebogen waren, ging es eine lange, steile Steigung hinauf, bevor das kurze Stück bergab kam, das sich in meiner Erinnerung festgesetzt hatte. Von diesem Moment an wurden die Bemerkungen der anderen meiner Ansicht nach immer kindischer und alberner.
Als wir begannen, die Steigung hinaufzufahren, sagte Gerald: „Tja, sieht so aus, als hätte Paps mal wieder absolut Recht. Ich lege wohl mal lieber den ersten Gang ein und behalte den Fuß auf der Bremse. Und los geht es, hinunter, hinunter, hinunter in die tiefsten Eingeweide der Erde; unaufhaltsam schrauben wir uns hinab in jene finstere, unbekannte Welt in der Mitte unseres Planeten. Alles klar bei dir, Mama?"
„Ja, danke, nur ein bisschen schwindelig", sagte Anne. „Ich konnte noch nie aus großer Höhe nach unten sehen, ohne dass sich bei mir im Kopf alles zu drehen anfing."
„Es ist fast so wie am Ende von ,Titanic"`, sagte Angels, während sich unser Minivan weiter den Hang hinaufquälte, „wo das Heck des Schiffes sich aus dem Wasser hebt und die Leute Dutzende Meter tief ins Wasser stürzen. Haltet euch lieber fest!"
„Wir geraten in den Sog!", rief Gerald, als müsste er die Hintergrundmusik auf dem dramatischen Höhepunkt eines ganz üblen Katastrophenfilms mit Doug McClure in der Hauptrolle übertönen. "Jungs, es wird heiß! Wir können nicht mehr weit vom geschmolzenen Kern im Mittelpunkt der Erde entfernt sein!"
Als dann noch Leonard anfing, mit australischem Akzent zu sprechen, „um nicht so aufzufallen, wenn wir ankommen", fand ich, jetzt sei es genug.
„Schon gut, schon gut! Sehr witzig, haha! Wir fahren bergauf bis zu dem Stück, wo es auf dem Weg hinauf in die Stadt hinuntergeht, und mir ist jetzt alles egal. Ich gebe auf." „Du gibst auf? Meinst du nicht hinunter, Paps?"

Alle Textrechte liegen beim Brendow Verlag. Abbildung hier mit freundlicher Genehmigung.




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