Buchcover Streß-Familie Robinson

Leseprobe aus "Streß-Familie Robinson" (1995)

"Streß-Family Robinson"

Um die Berechtigung des Buchtitels etwas deutlicher zu machen - und weil es sich um eine sehr interessante Szene handelt - habe ich folgendes Beispiel ausgesucht:
Konnte es sein, daß der eigentliche Packstreit, von dem Kathy gesprochen hatte, nun bevorstand?
Genauso war es. Mike führte den Eröffnungsschlag.
"Liebling, laß uns diesmal wirklich systematisch vorgehen. Wir haben insgesamt fünf große Koffer, das ist doch richtig, nicht wahr?"
Kathys Unterkiefer bewegte sich einen Moment lang lautlos. Ihre Finger trommelten leise auf der Tischkante herum.
"Was stimmte denn nicht damit, wie wir es das letzte Mal gemacht haben?"
Mike zog sich in Richtung Fenster zurück, eine Hand erhoben, als wollte er schon die volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wahrend er sich noch seine Argumente zurechtlegte. Ich weii3 nicht, ob Ihnen schon einmal Leute wie Mike begegnet sind. Wenn ja, dann wissen Sie, daß sie zwar im allgemeinen sanftmütig und nicht auf Konfrontationen aus sind, aber bei ganz banalen Dingen plötzlich wie besessen reagieren können. Schon jetzt, ganz zu Anfang der ausbrechenden Debatte, zitterte Mike vor mühsam beherrschter Leidenschaft. Seltsam, aber wahr.
"Nun komm schon", sagte Kathy gereizt, "sag mir, was falsch daran war, wie wir gepackt haben, als wir nach Frankreich gefahren sind."
Mike drehte sich zu seiner Frau um und klammerte sich mit beiden Händen hinter dem Rücken an die Kante des Spülbeckens, als hätte er Angst, wenn er losließe, könnte er, von seiner Leidenschaft aufgeblasen, langsam zur Decke aufsteigen und dort hängenbleiben wie ein Heliumballon.
"Nicht viel - nur, daß ich nicht mitmachen kann, wenn du es organisierst. Am Ende sitzen wir in einem Meer von Kleidern und Schuhen und Büchern und diesem und jenem, das die Koffer irgendwo unter sich begrabt, und ich warte mit einer kleinen Tischdecke in der Hand hindurch und frage mich, wie sie wohl in deinen Generalstabsplan paßt."
Mike geriet jetzt richtig in Bewegung, wippte in rasantem Rhythmus auf den Füßen auf und ab und klang wie jemand, der vor einer gefürchteten, unausweichlichen emotionalen Krise steht.
»Ich weiß nicht, wo irgend etwas ist!« fuhr er wild fort. "Ich weiß nicht, wo irgend etwas hinkommt - ich weiß nicht, was vor sich geht und ich -"
Kathy beendete den Satz ihres Mannes mit beißendem Spott. »Und du fängst an den Kopf zu schütteln und durch die Zähne zu zischen und davon zu reden, daß es dir wegen deiner übermäßig geordneten Kindheit sehr schwer fällt, mit Chaos fertig zu werden."
Wahrend der kurzen Stille, die darauf folgte, sackte Kathy zurück auf ihren Stuhl, stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn erschöpft- auf die Hände.
"Das tue ich nicht", sagte Mike mit empört aufgerissenen Augen.
Kathy sah ihn nicht einmal an. "Du tust es ja beinahe jetzt schon, dabei haben wir noch nicht einmal angefangen."
Mike drehte sich mit vermeintlich heldenhafter Selbstbeherrschung steif um und starrte zum Fenster hinaus. "Sieh mal, ichh sage ja nur, daß wir es mal auf meine Art versuchen und sehen könnten, wie wir damit klarkommen - wir konnten es doch nur einmal versuchen, meine Gute. Mehr sage ich ja gar nicht."
"Und worin genau besteht deine Art?"
Erfreut über die Gelegenheit, es ihr zu erklären, fuhr Mike herum und begann, in der Küche auf und ab zu marschieren und zu Kathy zu sprechen, als wäre sie eine Schulklasse voller Abc-Schützen.
"Also, wir bringen alle fünf Koffer hinaus in den Garten und wir legen sie hübsch ordentlich in einer Reihe hin..." Kathy schien schon zu wissen, was jetzt kommen würde.
"Wir legen sie mit offenen Deckeln in einer Reihe hin, numerieren sie von eins bis fünf und einigen uns darauf, welche Art von Gepäck in jeden davon kommt; dann holen wir die Sachen Stück für Stück aus dem Haus und füllen damit die Koffer, bis nichts mehr im Haus ist, das in die Koffer gehört.
Abgesehen von allem anderen würde es so viel mehr Spaß machen. Du sagst zu mir: "Hier ist ein Hemd, Mike, das kommt in Nummer drei", und ich gehe hinaus und lege es in Nummer drei. Dann sagst du vielleicht: "Hier ist ein Paar Schuhe, Mike, die kommen in Nummer fünf, also lege ich sie in Nummer fünf und komme zurück, um das nächste zu holen, und so weiter. Dann könnten wir uns abwechseln, und ich würde sagen: "Hier ist eine Bluse, Kathy, die kommt in Nummer vier", und du gehst hinaus und legst sie in Nummer vier; dann kommst du zurück und holst die nächste Sache und so weiter."
Kathy stöhnte, als hatte sie Schmerzen.
"Dann, wenn alles drinnen ist, machen wir die Koffer zu, und das war's. Die Packerei ist erledigt, alles ist fertig, und wir mußten uns nicht durch Wälder von Mänteln und Unterwäsche kämpfen, um auch nur den Fußboden zu finden."
Ermutigt durch die, wie er offensichtlich meinte, überwältigende Durchschlagskraft seiner eigenen logischen Beweisführung, stellte Mike sein Auf- und Abmarschieren ein, setzte sich wieder Kathy gegenüber und appellierte an sie, sich nicht der Vernunft zu verschließen.
"Findest du das nicht auch vernünftig, Kath! Wie könnte esnicht vernunftig sein! Wie in aller Welt! Komm schon - sag mir, was daran unvernünftig sein könnte. Es liegt doch so nahe. Das siehst du doch bestimmt ein, nicht wahr?"
Kathy verschränkte ihre Arme, lehnte sich auf dem Stuhl zurück, sah in die beschwörenden Augen ihres Mannes und sprach mit unerbittlicher Gelassenheit.
"Michael, ich möchte dazu folgende Bemerkungen machen. Zuerst laß uns den Unterschied zwischen deiner und meiner Methode betrachten. Dein System ist vielleicht ordentlich und logisch, aber es würde ungefähr ein Jahr dauern, um auf diese Weise alles gepackt zu kriegen. Es wäre eher so etwas wie ein ständiges Hobby als eine Aufgabe, die wir hinter uns bringen werden, bevor wir nach Amerika aufbrechen - was ein durchaus wünschenswerter Detailaspekt an meinem Ansatz ist, meinst du nicht, Zudem finde ich zwar die Vorstellung ausgesprochen rührend, daß du und ich bis ans Ende der Zeit fröhlich mit Hemden und Blusen und Schuhpaaren hin und her traben, aber ich habe nicht die Absicht, draußen im Garten `Hänsel und Gretel fahren in die Ferien` zu spielen, nur um deine Perfektionsneurose zu befriedigen. Du durchschaust zwar vielleicht nicht, was vor sich geht, wenn ich packe, aber ich habe den Überblick. Und da es am Ende sowieso an mir hängenbleibt, kommt es eigentlich nur darauf an, oder! Warum hilfst du nicht Dip hier in der Küche und überläßt das Packen mir, dann mußt du dir überhaupt keine Gedanken darüber machen, nicht wahr! Wie findest du das!"
"Dann soll ich dir also nicht helfen?"
Etwas verriet mir, daß wir nun endlich zum eigentlichen Gegenstand der Diskussion gekommen waren.
"Natürlich möchte ich, daß du mir hilfst - wenn du es wirklich ernst meinst. Was ich nicht ausstehen kann, ist, wenn du schnaufend und schnaubend herumläufst und dich aufregst, daß du nichts tun kannst, wahrend ich damit beschäftigt bin, es zu tun."
"Soso...", sagte Mike und versuchte verletzt zu klingen, jedoch ohne rechte Überzeugung. »Dann kann ich ja hierbleiben und Dip helfen, wenn du es so siehst. Übrigens, Dip, was hältst du denn von meiner Packmethode!"
Ich wollte den Robinsons eine echte Freundin sein.
"Lächerlich", sagte ich lächelnd, "rührend, aber lächerlich. Überlaß es Kathy."
Ich fand es herrlich, wie die beiden lachten.

Alle Textrechte liegen beim Brendow Verlag. Abbildung hier mit freundlicher Genehmigung.




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