Leseprobe aus "Licht im Herzen der Finsternis" (2006)
"The Son of God is Dancing - A Message of Hope"
Fenster der Hoffnung
B: Jeder Tag in Sambia brachte seine Überraschungen mit sich, aber keiner mehr als die halbe Stunde, die Adrian und ich hinter winzige Schreibtische gezwängt in einem Klassenraum der Welbeck-Grundschule verbrachten. Nachdem wir uns einen Tanz angeschaut hatten, vorgeführt von einigen wunderhübschen kleinen Mädchen, die dazu mit den Händen Gesten machten, als ob sie mit Scheren schnitten, fragten wir unseren Dolmetscher, was das Lied bedeutete.
Oh, sie singen davon, den Vergewaltiger zu kastrieren", kam die gelassene Antwort.Vitentendi: Schnipp, schnapp!"
Wie bitte?"
Wenn du dich sexuell nicht beherrschen kannst, schneiden wir dich ab. Schnipp, schnapp!"
Wieder einmal staunten wir über den enormen Entwicklungssprung, den die Leute hier vollziehen mussten, von einer Gesellschaft, in der es absolut tabu war, von Sex und Tod zu sprechen, zu einer, in der das schiere Überleben von unsentimentalen Äußerungen wie diesen abhängt. Offensichtlich haben hier kindliche Arglosigkeit und Unwissenheit selbst bei so jungen Kriegern keinen Platz mehr.
Doch was dann folgte, überraschte mich noch mehr. Zwei kleine Jungen gingen nach vorne und stellten sich zu beiden Seiten der Tafel auf. Einer der beiden klebte ein großes, beschriebenes Blatt Papier an die Tafel, während der andere die Möchtegern-Rebellen mit stählernem Blick in Schach hielt. Adrian und ich setzten uns instinktiv aufrechter hin. Alsdann trugen die beiden, unterstützt von einem Lineal, mit dem sie ihre Punkte betonten, ein informatives Referat über ihr gewähltes Thema vor. Es war die Art Vortrag, zu der Kinder in vielen Klassenzimmern angehalten werden, doch das Thema war nicht das Wachstum der Stangenbohne oder die Merkmale der Beuteltiere. Erraten - es ging um HIV/AIDS und darum, wie man sich davor schützt.
In selbstbewusstem Stakkato-Englisch informierten uns unsere beiden jungen Experten abwechselnd:HIV/AIDS wird durch Geschlechtsverkehr verbreitet. Durch Bluttransfusionen.
Durch gemeinsam benutzte Injektionsnadeln.
Durch wieder verwendete oder nicht sterilisierte Injektionsnadeln, Klingen oder OP-Handschuhe in schlecht ausgestatteten Krankenhäusern.
Durch Ansteckung von Mutter zu Kind. Durch Stillen.
Und so (dies sagten sie im Chor) breitet es sich aus.
Nach einer kleinen Verbeugung kehrten sie unter dem donnernden Applaus ihrer Klassenkameraden bescheiden zu ihren Plätzen zurück. Es hatte etwas Klinisches, diese kalten Erwachsenenfakten, vorgetragen mit Stimmen, die noch einige Jahre vom Stimmbruch entfernt waren. Aber das hätte uns nicht überraschen sollen. Schließlich befanden wir uns hier auf einer Versammlung des regelmäßig stattfindenden AIDS-Clubs der Schule. Solche Clubs entstehen an allen Schulen im Land. Die Altersspanne zwischen fünf und fünfzehn wird als das Fenster der Hoffnung" bezeichnet. Kinder in diesem Alter gelten als alt genug, um die Risiken schon verstehen zu können, aber weitgehend noch nicht den Gefahren ausgesetzt, die mit sexueller Aktivität einhergehen. Darum werden die Lehrer in Bezug auf alle Aspekte der Prävention geschult. Die Lehrkräfte sind gehalten, das Thema nicht nur im Lehrplan zu behandeln, sondern auch als Grundlage für Tänze, Theaterstücke und Lieder zu benutzen.
Anfang der Woche hatten wir einen jährlich von World Vision veranstalteten Freilufttheater- und Gesangswettbewerb zwischen mehreren Schul-AIDS-Clubs besucht. Dabei hatten wir einige wirklich fantasievolle Bearbeitungen des Themas erlebt, allesamt verblüffend energisch und selbstbewusst vorgeführt von Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren. Die Lehrer hatten die Gelegenheit zum Üben der englischen Sprache für die Kinder weidlich ausgenutzt, was die Veranstaltung für uns noch relevanter und aufregender machte.
In einem der Theaterstücke hielt ein Junge einen Fußball in den Händen. Er versuchte mehrere andere Kinder dazu zu überreden, sich an seinem Spiel zu beteiligen. Die Kinder reichten den Ball in ihrer Reihe weiter und sangen im Chor:
AIDS ist wie ein Fußball.
Es kommt zu diesem und zu jenem."
Dann nahm der Anführer den Ball an sich und versuchte ihn nacheinander an jedes der Kinder weiterzureichen. Eines nach dem anderen gaben sie ihn zurück und verkündeten ihre Gründe dafür, dass sie nicht mitspielen wollten.
Nein, ich will dieses Spiel nicht spielen." Es ist ein gefährliches Spiel."Ich sage nein zu Gelegenheitssex.
Er kann dich das Leben kosten."
Alle Textrechte liegen beim Brendow Verlag. Abbildung hier mit freundlicher Genehmigung.